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Vorkaufsrecht verständlich – was Sie jetzt wissen müssen!

Vorkaufsrecht für Immobilien: In welchen Fällen darf die Gemeinde oder die Stadt ein Vorkaufsrecht im Verkaufsfall einer Immobilie nutzen?

Vorkaufsrecht - was Sie jetzt wissen müssen
Vorkaufsrecht: Was Käufer und Verkäufer wissen sollten. Bild: Foto erstellt von gpointstudio – de.freepik.com

Eine genaue Betrachtung kann im Vorfeld bereits sehr verlässlich vorhersagen, ob ein öffentlich-rechtliches Vorkaufsrecht zur Anwendung kommen wird. Eine Prüfung im Vorfeld schützt Bauherren vor unliebsamen Überraschungen, denn selbst mit der Unterzeichnung eines Kaufvertrages ist es für den Immobilienkäufer nicht 100%ig sicher, dass er sein Wunsch-Haus oder -Grundstück tatsächlich bekommt. Schuld daran ist die Möglichkeit, dass eine Person oder eine Gemeinde ein Vorkaufsrecht hat.

Vorkaufsrecht der Gemeinde

Das gemeindliche (auch öffentlich-rechtliche) Vorkaufsrecht ist das Recht der Gemeinde, ein Grundstück zu den in einem Kaufvertrag zwischen Verkäufer und Käufer definierten Konditionen selbst zu erwerben. Festgeschrieben ist dies im Baugesetzbuch (§§ 24 bis 28 BauGB). Aber auch über das Naturschutz-, Denkmalschutz-, Reichssiedlungs- oder Eisenbahngesetz sowie das Wasserrecht können als Grundlage für das öffentlich-rechtliche Vorkaufsrecht dienen.

Die wichtigste Voraussetzung für das gemeindliche Vorkaufsrecht ist das Vorliegen eines Kaufvertrages. Ein dem Verkauf wirtschaftlich gleichkommendes Rechtsgeschäft – z. B. ein Tauschvertrag – löst ausdrücklich keinen Vorkaufsfall aus. Gleiches gilt für eine Schenkung, eine Erbauseinandersetzung, einen Konkurs oder eine Zwangsvollstreckung!

Ist diese absolute Bedingung erfüllt, steht der Gemeinde ein allgemeines Vorkaufsrecht an bebauten und unbebauten Grundstücken in folgenden Bereichen des Gemeindegebiets zu:

1. im Geltungsbereich eines Bebauungsplans, soweit es sich um Grundstücke handelt, für die eine Nutzung für öffentliche Zwecke (Verkehrs-, Grün-, Gemeinbedarfs-, Versorgungs- und Entsorgungsflächen) festgesetzt ist. Der Bebauungsplan muss rechtsverbindlich sein; ein einfacher Bebauungsplan reicht jedoch aus (§ 30 BauGB)

2. in einem Umlegungsgebiet (§§ 45 ff. BauGB)

3. in einem förmlich festgelegten Sanierungsgebiet und städtebaulichen Entwicklungsbereich (§§ 136, 165 ff. BauGB)

4. im Geltungsbereich einer Erhaltungssatzung (§ 172 BauGB)

Darüber hinaus steht der Gemeinde auch ein Vorkaufsrecht beim Verkauf von unbebauten Grundstücken zu, soweit es sich um Flächen handelt,

1. für die im Flächennutzungsplan eine Nutzung als Wohnbaufläche oder Wohngebiet dargestellt ist,

2. die nach dem Bebauungsplan, im Vorgriff auf einen Bebauungsplan oder im unbeplanten Innenbereich vorwiegend mit Wohngebäuden bebaut werden können (§§ 30, 33, 34 BauGB).

Über das allgemeine Vorkaufsrecht hinaus kann die Gemeinde durch Satzung ein besonderes Vorkaufsrecht begründen:

1. für unbebaute Grundstücke im Geltungsbereich eines Bebauungsplans

2. für Grundstücke in Gebieten, in denen sie städtebauliche Maßnahmen wie die Aufstellung eines Bebauungsplans oder die Ausweisung eines städtebaulichen Entwicklungsbereichs in Betracht zieht.

Die Ausübung des Vorkaufsrechtes durch die Gemeinde bedeutet, dass sie als Käuferin in den bestehenden Kaufvertrag zu denselben Bedingungen eintritt, und damit grundsätzlich auch in die Verpflichtung, den Kaufpreis zu bezahlen.

Einschränkungen des Vorkaufsrechts

Die Gemeinde darf ihr Vorkaufsrecht nur dann ausüben, wenn das Wohl der Allgemeinheit dies rechtfertigt (§ 24 Abs. 3 BauGB). Das Vorkaufsrecht muss also durch öffentliches Interesse begründet sein. Diese Entscheidung steht im pflichtgemäßen Ermessen der Gemeinde. Abzuwägen sind dabei die öffentlichen Belange an der Nutzung des Grundstücks für öffentliche Zwecke mit den privaten Belangen der Vertragsparteien.

Gemäß § 27a BauGB besteht außerdem die Möglichkeit, dass die Gemeinde das ihr zustehende Vorkaufsrecht zugunsten Dritter ausübt. Voraussetzung ist allerdings, dass dieser die Wohnbaugrundstücke dem sozialen Wohnungsbau oder dem Wohnbedarf eines besonderen Personenkreises zuführt. Das bedeutet, dass die Ausübung des Vorkaufsrechts durch die Gemeinde auch zugunsten eines Bauträgers zulässig ist, der entsprechende Verpflichtungen eingeht. Darüber hinaus kann das Vorkaufsrecht auch zugunsten eines Bedarfs-, Entwicklungs- oder Sanierungsträgers ausgeübt werden.

Das Vorkaufsrecht wird durch Bescheid gegenüber dem Grundstückseigentümer ausgeübt. Bereits mit Zustellung des Bescheids wird der Kaufvorgang zwischen Gemeinde und Verkäufer wirksam; ein mit einem anderen Käufer abgeschlossener Kaufvertrag wird dadurch unwirksam. Achtung: an dieser Stelle haben sowohl Käufer und Verkäufer die Möglichkeit, Antrag auf gerichtliche Entscheidung zu stellen.

Wie kann ein öffentlich-rechtliches Vorkaufsrecht abgewendet werden?

Zunächst muss die Gemeinde die Ausübung des Vorkaufsrechts im Sinne eines öffentlichen Interesses begründen und muss außerdem den Verwendungszweck des Grundstücks angeben. Das Vorkaufsrecht darf außerdem nur innerhalb von zwei Monaten nach Mitteilung des Kaufvertragsabschlusses an die Gemeinde ausgeübt werden. Das Vorkaufsrecht erlischt, wenn die Frist zur Ausübung verstreicht (§ 469 BGB). Um diese Frist zu gewährleisten ist der beauftragte Notar zur Mitteilung des Abschlusses an die Gemeinde verpflichtet.

Wenn es hart auf hart kommt:

Gegen den Bescheid, mit dem die Gemeinde das Vorkaufsrecht ausübt, haben Käufer wie Verkäufer selbstverständlich die Möglichkeit, Antrag auf gerichtliche Entscheidung zu stellen, wobei in diesem Fall die Gemeinde die Möglichkeit hat, ihre Entscheidung zu korrigieren, d. h. den Bescheid insgesamt aufzuheben oder – falls Streitigkeiten über den tatsächlichen Verkehrswert bestehen und die Gemeinde diesen in ihrem Bescheid niedriger ansetzt –  doch den zwischen den Parteien vereinbarten Kaufpreis zu zahlen. 

Bleibt die Gemeinde jedoch bei ihrer Entscheidung, muss sie den Antrag und die Akten gem. § 217 Abs. 4 BauGB der Kammer für Baulandsachen bei dem zuständigen Landgericht zur Entscheidung vorlegen. Das Landgericht muss den Bescheid der Gemeinde sowohl hinsichtlich der Frage prüfen, ob die Ausübung des Vorkaufsrechts überhaupt zulässig ist, d. h. im konkreten Fall dem Allgemeinwohl dient, aber auch, ob der von der Gemeinde festgelegte Erwerbspreis korrekt ermittelt bzw. als angemessen (und marktüblich) anzusehen ist.

Das Negativzeugnis:

Besteht an einem Grundstück kein Vorkaufsrecht oder übt die Gemeinde das ihr zustehende Vorkaufsrecht nicht aus, ist dem Verkäufer ein Negativzeugnis über das Nichtbestehen oder die Nichtausübung des Vorkaufsrechts auszustellen (§ 28 Abs. 1 BauGB). Erst mit dem Vorliegen des Negativzeugnisses darf die Auflassung im Grundbuch erfolgen. Auflassung bedeutet, dass der Verkäufer vor einem Notar erklärt, dass er die betreffende Immobilie an den Käufer übergeben wird. Dieser wiederum erklärt, dass er den vereinbarten Kaufpreis zahlt. 

Weitere Vorkaufsrechte:

Neben dem gemeindlichen Vorkaufsrecht, das gesetzlich geregelt ist, können weitere gesetzliche und außerdem vertragliche Vorkaufsrechte bestehen. So hat beispielsweise ein Mieter ein Vorkaufsrecht, wenn die von ihm bewohnte Wohnung in eine Eigentumswohnung umgewandelt und verkauft werden soll (§ 577 BGB). Ausnahme: Der Wohnraum soll an Familienangehörige des Vermieters verkauft werden, dann hat der Mieter kein Vorkaufsrecht. Auch Miterben haben ein Vorkaufsrecht, wenn innerhalb einer Erbengemeinschaft ein Erbe entscheidet, seinen Anteil zu veräußern.

Mit einem Vorkaufsrechts-Vertrag können Eigentümer außerdem eine beliebige Person aus beliebigen Gründen mit dem Vorkaufsrecht ausstatten. Der Abschluss des Vertrags muss von einem Notar beurkundet werden. Mit diesem Nachweis sichert sich der Vorkaufsberechtigte den Anspruch auf Schadenersatz für den Fall, dass er beim Verkauf der Immobilie übergangen wird.

Auch das Vorliegen dieser weiteren möglichen Vorkaufsrechte sollten Verkäufer und Käufer im Auge behalten. Das Übergehen eines Vorkaufsrechts kann nach Eintragung im Grundbuch Schadenersatzforderungen des Vorkaufsberechtigten nach sich ziehen.

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